subcutan in der Zeitung

Balladen und Gospels im Hochzeitsgottesdienst

Die Reportage: „subcutan – Musik, die unter die Haut geht“ servieren Gänsehaut-Musik zur Trauung.

Ein Blick durch die Johanniskirche läßt ahnen, daß die Hochzeit von Andre Lips und Christine Donges keine gewöhnliche wird. Am Fuße des Altarraumes steht links ein E-Piano. Kabel verbinden die zwei Mikrofone mit den beiden tragbaren Kastenboxen, die zur Beschallung des Zuschauerraums aufgestellt worden sind. Zwar spielt die Orgel zunächst zu den bekannten, alt-väterlich anmutenden Liedzeilen „Lobe den Herren den mächtigen König der Ehren“. Doch heute werden die großen und kleinen Pfeifen weniger beansprucht als in anderen Gottesdiensten. Nachdem das Brautpaar vor den Altar getreten ist, spielt das Duo »Subcutan« aus Lüdenscheid den ersten Gospel. „I’m reaching out to you“, klingt die warme Stimme der Sängerin durch die hohe Kirche. „And together we’ll be strong.“ Auf dem Keyboard begleitet ihr Pianist und steigt in der zweiten Strophe in den vergleichsweise modernen, englischen Gesang mit ein.

Die Musik kommt für das Paar unverhofft

Unvorbereitet auf die musikalische Einlage, müssen das Brautpaar und die jungen Trauzeugen schmunzeln. Pfarrer Uwe Brühl hat den Auftritt zuvor mit dem Duo abgesprochen, lächelt deshalb nur wissend. Andre Lips und Christine Donges stehen mit den Gesichtern zum Altar und zum Pfarrer gewandt; so wie das bei Hochzeiten in der Johanniskirche üblich ist. Sie blicken leicht verschämt und lächelnd nach vorne, nur ab und zu wenden sie sich verstohlen um, die Interpreten im linken äußeren Sichtbereich erfassend. Man merkt, daß die beiden nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen. Normalerweise hat man sich an die gewohnte Gottesdienstordnung zu halten.

Diese Musik ist neu und mutmaßlich unordentlich für einen gewöhnlichen Gottesdienstbesucher. Und sie kommt für das Paar überraschend. Das heißt nicht, daß die Musik störend wirkte. Im Gegenteil: Sie rührt an, verursacht ein wohliges Kribbeln auf dem Rücken. Andre Lips schaut ab und zu nach oben als ringe er mit seinen Gefühlen. Man stelle sich vor, neben seiner Auserwählten zu stehen und im Hintergrund „Together we’ll be strong“ zu hören! Der Braut läuft derweil eine Träne die Wange hinab.

Die Mutter der Braut will herzlich weinen

Nach dem Stück stellt Olaf Westmeier sich und seine Sängerin als Duo »subcutan – Musik, die unter die Haut geht« vor und wünscht dem Brautpaar von „ganzem Herzen“ Glück für die Ehe. „Wir danken für die Einladung, obwohl sie nicht von euch kommt.“ – Christines Mutter hat das Duo in die Johanniskirche bestellt – unter der Bedingung, daß sie im Traugottesdienst ihrer Tochter weinen wollte.

Es folgt das nächste Stück namens „Vertrauen“, diesmal in Deutsch gesungen. „In Gedanken bin ich immer bei Dir“, heißt es darin. Wieder dieses Kribbeln, das den Rücken hochklettert bis zum Nacken. Danach herrscht Stille, kein Klatschen wird laut. Das gehört normalerweise auch nicht zur Gottesdienstordnung. „Gegen Musik, die unter die Haut geht, hat man’s schwer mit Worten“. Dennoch hält er nun die zwei Predigten der Trauung. Freundlich miteinander umgehen sollen die Ehepartner, auch wenn die kleinen Tierchen verschwänden, wenn „aus dem Mausi etwas anderes wird“. Zwischen den besinnlichen Worten wird wieder traditionelle Orgelmusik gespielt, zu der auch die Musiker singen. Sie nehmen am Gottesdienst teil wie jeder der 120 bis 130 Gäste auch. Pfarrer Brühl zitiert aus der biblischen Schöpfungsgeschichte: „Gott sah alles an, was er gemacht hatte, und sah, es war gut.“ Alles, ob Orgelmusik oder Gospel und Balladen. „Jetzt sind wir fast schon bei der Trauung, aber wir hören erst noch ein Lied: „Amazing Grace.“ Elegant meistert Uwe Brühl die Übergänge zwischen den traditionellen Teilen des Gottesdienstes und den Einlagen des Duos »Subcutan« – der Pfarrer als Moderator.

Das Pärchen in der siebten Bank kuschelt

„Amazing Grace“ entfaltet eine besondere Stärke, wenn die Sängerin plötzlich kraftvoller singt und ihr Partner später ebenfalls in den Gesang einfällt. Dramaturgisch perfekt. Das junge Pärchen in der siebten Bank kuschelt Kopf an Schulter. Nach dem Lied folgt die Trauung:

„Willst du, so sprich ja…“ Pfarrer Brühl legt den Frischvermählten die Traubibel ans Herz, den Zuschauern die Kollekte für die Holger- Hitzblech-Stiftung. »Die Liebe bleibt« heißt das nächste Stück von subcutan. Kurz darauf singen alle Lied 331 aus dem evangelischen Gesangbuch „Großer Gott, wir loben dich“. Der Text ist 230 Jahre alt, die Melodie stammt aus dem Jahre 1668 nach einem lateinischen Lied aus dem 4. Jahrhundert.

Das Duo »subcutan – Musik, die unter die Haut geht« bringt vor dem Segen das Lied »We believe«, das vom Reich Gottes und dem Glauben an sein etwas anderes Königreich handelt. „Dankeschön“, sagt Pfarrer Brühl nach der letzten Darbietung, schmunzelt und fügt hinzu: „Es könnte ja sein, daß Ihnen das gefallen hat.“ Die Aufforderung zum Applaudieren ist eindeutig. Wenn Beifall verdient ist, darf man ihn auch in der Kirche spenden, meint Pfarrer Brühl. Während das Brautpaar vor der Kirche die Glückwünsche der Verwandten und Freunde entgegennimmt, bauen die Musiker ihre Ausrüstung ab. Christines Mutter bedankt sich. Sie hat geweint. Auf die Frage, ob das denn die erhoffte Traumhochzeit war, sagt sie nur: „Ja!“ Auch das jungvermählte Brautpaar bringt nur Wörter wie „Super!“ und „Klasse!“ hervor. Wenn sie noch mal heiraten könnten, wollten sie es wieder auf dieselbe Art tun.

Sascha Stienen, „Süderländer Volksfreund“